Hundebeschäftigung: Die Entdeckung der Langsamkeit

credits: hexe und hund

Spielgruppe, Sport-Training, zu Hause lernen und Freunde treffen: Manch Woche eines Vierbeiners ist stressiger und durchgeplanter, als die eines Kindes. Doch was von den meisten sicherlich nur gut gemeint ist, kann für den Hund auf lange Sicht schwerwiegende Folgen haben.

Jeder kennt sie wahrscheinlich (oder zählt sogar selbst dazu): die Herrchen und Frauchen, die panische Angst davor haben, dass ihr Hund sich langweilen könnte. Denn ein gelangweilter Hund stellt Blödsinn an, ist unruhig und quengelig. Oft fallen dann auch solche Sätze wie: „Also ich war mit meiner Casey heute nach dem Agelity-Training noch zwei Stunden spazieren und sie ist immernoch nicht ausgepowert. Die ist echt ein Energierbündel!“ Womöglich ist Casey aber gar nicht unterfordert, sondern überfordert.

Im Prinzip ist es ja richtig und wichtig seinen Hund artgerecht zu beschäftigen. Dazu gehören ausgedehnte Spaziergänge, gemeinsame Spiele und ähnliches. Doch wie bei fast allem im Leben gilt auch hier: Lieber in Maßen als in Massen. Denn der Grat zwischen Unter- und Überforderung ist sehr schmal.

Muss ein Hund wirklich ständig ausgelastet werden?

Bevor ich Filou adoptiert habe, wurde ich auch sehr häufig gefragt, ob ich denn den Anforderungen eines Hundes gerecht werden kann, wenn ich 40 Stunden die Woche arbeite. Als ich dann sagte, dass ich Filou mit zur Arbeit nehmen darf, erntete ich ungläubige Blicke und Sprüche wie „Aber das ist doch langweilig für den Kleinen“ oder „Der ist doch dann gar nicht ausgelastet, wenn er den ganzen Tag nur im Büro liegt“. Bis dahin war ich eigentlich sehr überzeugt von meinem Vorhaben. Doch je häufiger ich solche Begegnungen hatte, desto mehr Zweifel kamen mir. Würde sich Filou tatsächlich langweilen?
Ich begann zu recherchieren und bin auf einige Artikel gestoßen in denen es hieß, dass ein Hund minimum jeden Tag drei Stunden Gassigehen muss. Zusätzlich braucht er noch Spieleinheiten und anderweitige Beschäftigung. Mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag ist das wirklich schwer zu vereinbaren.

Mein Bauchgefühl sagte mir allerdings etwas völlig anderes. Ich war mir sicher, dass Filou primär einfach viel Zeit mit mir verbingen möchte. Lieber liegt er bei mir auf Arbeit anstatt alleine zu Hause. Außerdem fand ich auch etliche Artikel in denen es hieß, dass Hunde je nach Alter und Rasse bis zu 18 Stunden Ruhe am Tag brauchen.

Dennoch taucht immer dieses Wort „Auslastung“ oder „auspowern“ auf, wenn man sich über die Beschäftigung von Hunden informiert. Aber muss ein Hund wirklich jeden Tag ausgepowert werden?

Spiel und Spaß: Weniger ist mehr

Ich hab dazu ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis: Auf der einen Seite ist es natürlich wichtig, dass ein Hund seinem Naturell entsprechend beschäftigt wird. Auf der anderen Seite laufen wir ja auch nicht jeden Tag einen Marathon. Was ich damit sagen möchte ist, dass es nicht schlimm ist, wenn an einem Tag die Gassirunde mal kürzer ausfällt. Oder die Spielrunde zu Hause verschoben werden muss, weil das Leben gerade andere Pläne hat.

Filou döst tatsächlich die meiste Zeit auf Arbeit. Ab und an knabbert er auf einem Kauholz, lässt sich streicheln oder wir spielen auch mal kurz miteinander. Mittags gehe ich mit ihm spazieren oder wir treffen auch mal Hundefreunde. Und wenn wir abends nach Hause kommen legt er sich einfach nur noch mit meinem Freund und mir aufs Sofa und wir genießen gemeinsam den Feierabend. Am Wochenende wird dann mehr getobt und trainiert. Ich hatte nie das Gefühl, dass Filou irgendetwas fehlt.

Denn was gerne vergessen wird: Jegliche Interaktion mit uns Menschen – sei es streicheln, Fell- oder Pfötchenpflege oder einfach nur die Ansprache an sich – ist für unsere Vierbeiner „Arbeit“. Und zwar in dem Sinne, dass sie sich jedes Mal auf uns einstellen müssen, unsere Körpersprache deuten und übersetzen müssen. Uns geht es doch nicht anders: Wie oft sind wir nach einem Tag, an dem wir körperlich kaum gearbeitet haben, trotzdem total fertig? Weil jede Interaktion mit anderen Leute für unser Gehirn arbeitet bedeutet. Wir müsen überlegen was wir sagen, wie wir uns verhalten, was sozial angemessen ist etc. Und das ist verdammt anstrengend. An manchen Tagen sogar mehr als an anderen. Wieso ist es so unvorstellbar, dass es unseren Vierbeiner da anders geht?

In Ruhephase verarbeiten Hunde Gelerntes

credits: hexe und hund

Über die Jahrhunderte haben Hunde gelernt, mit uns zu kommunizieren, unsere Körpersprache zu deuten. Sie sind also permanent am Übersetzen, wenn man so möchte, weil sie sich mit uns nicht in ihrer „Muttersprache“ unterhalten können. Was für uns alltäglich und normal ist, ist für sie mitunter sehr anstrengend. Tagtäglich lernen sie dazu, alleine um mit uns den Alltag bestreiten zu können. Und dann kommen wir an und bringen ihnen noch zusätzliche Tricks bei. Logisch, dass das alles erstmal verarbeitet werden muss. Und genau deshalb sind Ruhepausen für Hunde so wichtig. Denn wie wir Menschen auch, verarbeiten sie Erlebtes im Schlaf. Nimmt man ihnen diese Möglichkeit, sind sie überfordert und gestresst. Was sich in Unruhe, Nervosität, Fahrigkeit und mangelnder Konzentration äußert – wie ein Mensch, der völlig übernächtigt ist.

Diese Anzeichen können allerdings schnell missgedeutet werden. Wie oben beschrieben, kann ein Hundehalter auch schnell denken, dass das Beschäftigungsangebot für die Fellnase nicht ausreicht und noch mehr gemacht werden muss – ein Teufelskreis, der fatale Folgen haben kann. Denn permanenter Stress schlägt sich auf Dauer auch auf die Gesundheit des Hundes nieder: Das Immunsystem wird geschwächt und der Hund anfälliger für Krankheiten. Es treten Allergien, Magen-Darm-Erkrankungen und Fruchtbarkeitsstörungen auf. Und das ist nur ein Auszug aus der Liste.

Wenn man sich unsicher ist, ob der eigene Hund denn nun unter- oder überfordert ist, ist es immer ratsam einen kompetenten Hundetrainer zu fragen. Diese können meist auch schon anhand der Körpersprache des Hundes einschätzen, welches „Problem“ vorliegt.

Unablässlich ist allerdings auch das eigene Bauchgefühl. Wir verbringen so viel Zeit mit unseren Fellnasen, dass wir sie eigentlich am besten kennen sollten. Bei Filou kann ich mittlerweile genau einschätzen, wann er Spielen will und wann nicht. Wann er seine Ruhe braucht und wann Action angesagt ist. Dieses Bauchgefühle wird aber leider immer häufiger in den Hintergrund gedrängt, je mehr wir uns vom Außen beeinflussen lassen. Da reicht ein Artikel, ein Gespräch mit anderen Hundehaltern und schon zweifeln wir an uns selbst und daran, dass wir eigentlich genau wissen, was gut für unsere Fellnase ist. Dabei ist unser Bauchgefühl eigentlich der beste Kompass, den wir haben.

Fazit

Natürlich spielt immer das Alter und auch die Rasse, also der eigentliche Arbeitshintergrund des Hundes, eine Rolle dabei, welcher Grat an Beschäftigung der richtige ist. Doch auch da gibt es individuelle Unterschiede, weil nunmal jeder Hund einen eigenen Charakter hat. Was für den einen genau richtig ist, ist für den anderen schon zu viel. Pauschal lässt sich also schwer sagen, ob Hund xy tatsächlich jeden Tag drei Stunden Gassigehen braucht oder nicht. Außerdem ist es auch abhängig von der Tagesform, denn Filou hat an manchen Tagen Hummeln im Hintern und an anderen bekommt man ihn gar nicht vom Sofa runter – und das gilt es zu berücksichtigen. Hört Eurem Hund einfach zu 🙂

2 Gedanken zu “Hundebeschäftigung: Die Entdeckung der Langsamkeit

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