Abstand halten: Warum nicht jeder meinen Hund anfassen darf

credits: Hexe und Hund

Ob auf Arbeit oder unterwegs in der Stadt: Ständig sprechen mich Leute an, wie süß Filou doch sei und wollen ihn streicheln. Wenn ich dann ablehne, ernte ich ungläubige Blicke und böse Kommentare. Doch es hat einen einfachen Grund, warum nicht jeder meinen Hund anfassen soll.

Es gibt Hunde, die wurden vorbildlich sozialisiert und haben keinerlei Probleme mit anderen Menschen oder Hunden. Sie wollen jedem gefallen und genießen es, gestreichelt zu werden – sei es von Frauchen oder Herrchen oder irgendwem sonst. Und es gibt Hundehalter, die Wert darauf legen, dass ihr Hund unbedarft auf jeden zugeht und sich streicheln lässt. Der vorzeige Familienhund quasi. Und dann gibt es da noch Filou und mich – ein Vierbeiner, der absolut nicht sozialisiert wurde und ein Frauchen, das nicht möchte, dass jeder ihren Hund anfasst.

Es ist immer dasselbe Spiel: Ich bin mit Filou unterwegs und irgendjemand spricht uns an „Ach, ist der süß“ und ehe ich mich versehe, streckt er seine Hand nach Filou aus (natürlich schön von oben, dass es auch extra bedrohlich auf denen Kleinen wirkt). In den meisten Fällen kann ich noch schnell genug reagieren, Filou hinter mich lotsen und dem Fremden klar machen, dass Filou ein sehr ängstlicher Hund ist und sich nicht von jedem anfassen lässt. Doch leider ernte ich nur in den wenigsten Fällen Verständnis. Nur all zu oft kommen dann Kommentar wie „Aber ich kenn mich mit Hunden aus“ oder „Ach ich hab selber Hunde, mich mögen die immer“ oder der Klassiker „Ja beißt der dann?“.

Mir fehlt meist die Geduld, mich noch weiter mit den Leuten auseinanderzusetzen, deshalb lauf ich  mit Filou einfach kommentarlos weg. Innerlich ärgere ich mich allerdings maßlos. Wieso denken manche Menschen, dass es bei Hunden einen Freifahrtsschein fürs Streicheln gibt? Ich lauf doch auch nicht durch die Straßen und fass fremde Kinder an. In meinen Augen ist das nämlich durchaus gleichzusetzen mit der Dreistigkeit, die einige Leute Hunden gegenüber an den Tag legen.

Sobald ein Hund knurrt, gilt er als aggressiv

Manchmal kann ich leider nicht schnell genug reagieren und dann passiert es: Filou knurrt, bellt und wehrt sich damit auf seine Weise gegen die unerwünschte Streichel-Attacke. Ein Hunde-Kenner würde sofort merken, dass es auf keinen Fall böse gemeint ist. Im Gegenteil: Es ist die pure Angst und Unsicherheit. Doch meiner Erfahrung nach fehlt der Mehrheit leider der Blick fürs Detail. Ein Hund knurrt oder bellt, also ist er aggressiv. Punkt. Daran gibt es bei der Allgemeinheit nichts zu rütteln. Und wenn er sich nicht von wildfremden anfassen lässt, ist er erst recht ein böser, schwieriger Charakter.

Bei solch Begegnungen wie oben beschrieben bin ich ehrlich schon an meine Grenzen gestoßen. Ich kann noch so oft erklären, dass Filou eine leider eher unschöne Hintergrundgeschichte hat, er nicht richtig sozialisiert wurde und jede noch so kleine, unschöne Begegnung (sei es mit Mensch oder Hund) für ihn und mich einen riesigen Rückschritt bedeutet. Daher ist bei uns Vorsicht die Mutter der Hundeerziehung.

Nur weil ein Hund Fell hat, muss man ihn nicht immer streicheln

credits: hexe und hund

Natürlich dürfen meine Freunde und auch meine Familie liebend gerne mit Filou schmusen. Weil er sie auch kennt und es auch selbst von ihnen einfordert. Aber selbst da geht er manchmal auf Abstand, weil er seine Ruhe möchte oder gerade nicht gestreichelt werden will. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Es ist in meinen Augen sowieso ein Trugschluss, dass Hunde immer gekuschelt werden müssen. Sicherlich, ich mach das mit Filou wirklich gerne, aber ich respektiere auch, wenn er seine Ruhe braucht. Oder wenn er mal einen Tag hat, an dem er eher auf Abstand geht. Wir rennen ja schließlich auch nicht durch die Gegend und umarmen ständig Leute – weder Freunde und schon gar keine Fremden.

Jede Interaktion zwischen Mensch und Hund ist für den Vierbeiner aufregend. Auch wenn er anscheinend nur daliegt und sich streicheln lässt, muss der Hund das alles verarbeiten. Ein unerwarteter Kuschel-Angriff von einem Fremden ist da der absolute Super-Gau. Zumal wirklich nur ein geringer Bruchteil der Menschen weiß, wie man richtig auf einen Hund zugeht. Da ist der Begriff „Angriff“ schon richtig gewählt. Aber was tun? Darf ich als Frauchen eines ängstlichen aber zugleich zuckersüßen Hundes nun gar nicht mehr unter Leute?

„Abstand halten!“ Klare Signale, klare Ansagen

Ich habe lange überlegt, wie ich denn nun am besten mit solchen Situatione umgehe. Oder noch besser: Wie ich solche Situationen im Idealfall einfach vermeiden kann. Relativ schnell bin dann auf das gelbe Halstuch gestoßen, auf dem groß „Abstand halten!“ steht. Das trägt Filou nun so gut wie jeden Tag  und ich bilde mir ein, dass wir seitdem tatsächlich weniger angesprochen werden. Manchmal fragen Leute auch nach, was genau denn auf dem Halstuch steht. Wenn ich es ihnen dann sagen ziehen sie nur verwirrt die Augenbrauen hoch und denken sich wahrscheinlich ihren Teil. Soll mir Recht sein, solange sie meinen Hund in Ruhe lassen.

Die Sache mit dem gelben Halstuch gibt es tatsächlich schon länger. Die Aktion „gelber Hund“ oder auch „Gula Hund“ setzt sich für ängstliche, traumatisierte oder unsichere Hunde ein. Eben für Hunde, die mehr Abstand benötigen, um sich sicher zu fehlen. Eine wirklich tolle Sache! Ich hoffe sehr, dass bald jeder weiß, was ein gelbes Halstuch oder auch eine gelbe Schleife bei einem Hund bedeutet. Nämlich: „Ich brauche Abstand!“

Ansonsten helfen leider nur klare Ansagen, auch auf die Gefahr hin, dass man als unhöflich oder der Hund als unerzogen abgestempelt wird. Schlussendlich geht es einfach um die Sicherheit des eigenen Vierbeiners.

2 Gedanken zu “Abstand halten: Warum nicht jeder meinen Hund anfassen darf

  1. mamatier 6. April 2020 / 09:29

    Ja, die lieben Mitmenschen. Ich kenne es so gut. Das „Beste“ was mir mal passiert ist war folgende Situation. Ich hatte zu meiner tauben, unsicheren Kaya noch einen zweiten Hund aus dem Tierschutz. Einen als gefährlich eingestuften Malinois-Mix, der definitiv niemandem vertraute, den er nicht wirklich lange und richtig gut kennengelernt hatte. Er war leider darauf gedrillt worden, nach vorne zu gehen…. Eines Tages ging ich mit Lucky einen Feldweg lang, er natürlich an der Leine und mit Maulkorb… eine ältere Dame kam uns entgegen, ich wich schon leicht zur Seite aus, sie steuerte weiter geradeaus auf uns zu, also machte ich einen großen Bogen, rauf aufs Feld (dazu sei gesagt, dass Lucky inzwischen wusste, dass ich ihn immer aus Situationen raus brachte, die ihn beunruhigen könnten, also war er dann auch ziemlich entspannt)… die Frau blieb dann gottseidank auf dem Weg. Als sie dann auf unserer Höhe war fragte sie doch tatsächlich: „Ach, ist der denn wirklich sooo gefährlich?“
    Meine Antwort: „Ääh… ja.“ Mir fiel nichts mehr dazu ein.

    Gefällt 1 Person

    • Filous Frauchen 7. April 2020 / 08:25

      😀 Es ist manchmal wirklich unfassbar, wie sich die Leute verhalten…aber wäre was passiert, wäre der Hund natürlich Schuld gewesen…

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